Focus: Afghanistan-Abzug – Westen schönt wie einst die UdSSR

http://www.focus.de/politik/gastkolumnen/eroes/terror-korruption-armut-afghanistan-abzug-westen-schoent-wie-einst-die-udssr_aid_1070604.html

Diplom-Volkswirt
Udo von Massenbach
Publizist /Massenbach-Letter

Sonntag, 18.08.2013, 12:16 · von FOCUS-Online-Experte Reinhard Erös

2014 ziehen die Nato-Truppen aus Afghanistan ab. Die Bundeswehr wird versuchen, den Deutschen den Einsatz als Erfolg zu verkaufen. Davon kann allerdings keine Rede sein. Afghanistan droht in einen korrupten Drogenstaat abzugleiten.
„Wir haben unser sozialistische Bruderpflicht erfüllt und verlassen heute stolz ein stabiles Afghanistan mit einer von uns gut ausgebildeten Armee, die imstande ist, die Sicherheit des Landes zu gewähren“ So begründete vor 25 Jahren die UdSSR den Abzug ihrer Armee.

Die Realität war anders. Der Krieg ging unvermindert weiter und wenige Jahre später übernahmen die Taliban die Macht.

An einem ähnlich euphemistischen „Wording“ arbeitet derzeit auch die Bundeswehr, um uns 2014 den Abzug der derzeit noch knapp 5000 Soldaten schmackhaft zu machen.

Terror dehnte sich dramatisch aus

Der islamistische Terror, 2001 die Begründung für den Einmarsch der Nato, hat sich in den Folgejahren dramatisch auf den Nachbarn Pakistan und andere Länder ausgeweitet. Vergangene Woche herrschte in der Hauptstadt Islamabad der Ausnahmezustand, haben die USA in islamischen Ländern ihre Botschaften geschlossen, und in Afghanistan wurden erneut Bundeswehrsoldaten in einem Hinterhalt schwer verletzt.

„Wir übernehmen die Verantwortung für die Ausbildung einer schlagkräftigen, afghanischen Polizei“, verkündete im Herbst 2001 vollmundig die rot-grüne Regierung. Die Realität zwölf Jahre später sieht anders aus: Die Sicherheitslage am Hindukusch war noch nie so schlecht.

Seit Jahresbeginn wurden 4000 afghanische Sicherheitskräfte getötet. Afghanistan ist zum gefährlichsten Land für Polizisten geworden. Bis 2006 konnten zivile Helfer nahezu ungestört durchs Land reisen. Heute wagt sich kaum noch eine Hilfsorganisation sichtbar auf die Straßen. Die Anzahl ausländischer Entwicklungshelfer hat sich seit 2006 halbiert.

Mord, Entführungen und Überfälle gehören zum Alltag

Die Kriminalität hat sich im gesamten Land dramatisch erhöht. Mord, Entführungen und Überfälle – oft vor den Augen einer hilflosen, weil schlecht ausgebildeten und ausgerüsteten Polizei – und Korruption auf allen Ebenen gehören inzwischen zum Alltag.

Erst vor Kurzem hat der Kommandeur der Bundeswehr in Kundus auf den verzweifelten Hilferuf eines deutschen Entwicklungshelfers („Helft mir, die Taliban bringen mich um“) nicht reagiert. Der 30-Jährige, selbst früher Zeitsoldat, ist dann wenige Kilometer vom Bundeswehrcamp entfernt verblutet. Die nachträgliche Begründung der Bundeswehrführung: „Ein militärisches Eingreifen wäre Aufgabe der afghanischen Armee gewesen.“

3340 Nato-Soldaten sind bis heute am Hindukusch gefallen – genauso viele Tote wie beim Anschlag 2001 in den USA. Wie viele Afghanen bei Anschlägen der Aufständischen und als „Kollateralschaden“ der Nato ums Leben kamen, weiß niemand. Die Zahlen schwanken zwischen 70 000 und 200 000.

Einer der teuersten Kriege der Neuzeit

Der militärische Einsatz kostet den deutschen Steuerzahler bis heute bereits 22 Milliarden Euro. Mit mehr als 600 Milliarden Euro insgesamt war der Nato-Einsatz am Hindukusch einer der teuersten Kriege der Neuzeit. Nur sechs Prozent dieses Betrags – weniger als 35 Milliarden Euro – hat der Westen in den Wiederaufbau investiert. Ein gewichtiger Teil davon verschwand auch noch in Korruption und Misswirtschaft. Im Jahresbericht der UN-Organisation UNDP (United Nations Development Programme) ist zu lesen: „Die humanitäre Lage der Bevölkerung hat sich seit dem Sturz der Taliban nicht verbessert. Afghanistan ist weiterhin das schlimmste Land für Kinder.“

Auf der Liste der korruptesten Staaten liegt Afghanistan mit Somalia weltweit auf Platz 1. Auf dem Human-Development-Index (Pro-Kopf-Einkommen, Lebenserwartung, Bildungsgrad) dagegen auf dem letzten Platz.

Wie sieht Afghanistans Zukunft nach dem Abzug der Nato im nächsten Jahr aus?
„Prognosen sind schwierig, insbesondere wenn sie die Zukunft betreffen“, kalauerte einst Karl Valentin. Die deutschen Politiker und Generäle sehen da viel „klarer“. Deren Vorhersagen klingen wie die Wettermeldungen von Touristik-Unternehmen: „Heiter bis leicht bewölkt.“
Meine eigenen Prognosen sind bescheidener: Möglich ist alles. Vom Bürgerkrieg oder kriminellen Narco-Staat, der sich über Drogenhandel und Korruption finanziert, bis zu einem halbwegs stabilen, stark islamisch geprägten, föderalen Staatsgebilde auf dem Niveau eines Dritte-Welt-Landes. Letzteres hatten die Afghanen allerdings schon vor dem Einmarsch von Sowjetarmee und Nato.
Zum Autor Reinhard Erös Der Oberstarzt der Bundeswehr a. D. Reinhard Erös engagiert sich seit über 25 Jahren in Afghanistan. Während der sowjetischen Besatzung ließ er sich 1986 für vier Jahre von der Bundeswehr unbezahlt beurlauben und versorgte in den paschtunischen Bergdörfern die Zivilbevölkerung. 2002 gründete er die „Kinderhilfe Afghanistan“. In ehemaligen Talibanhochburgen baut er Schulen für Mädchen, Waisenhäuser und Krankenstationen. Derzeit entsteht seine erste Universität für Frauen. Für FOCUS Online schreibt er seit August 2013.

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