Scholl-Latour: Der Flächenbrand hat begonnen

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Der Flächenbrand hat begonnen

Von Peter Scholl-Latour

Peter Scholl-Latour: Syrien droht der Zerfall Foto: JF

Was passiert, wenn die USA Waffen nach Syrien liefern? Vor allem eins, die USA würden de facto zu Verbündeten von al-Qaida, denn in deren Händen dürfte am Ende das Kriegsgerät landen. Das klingt absurd, aber wäre für den Westen nicht allzu bedrohlich, solange es sich um Infanteriewaffen handelt. Ganz anders dagegen sähe es aus, falls die USA ihren syrischen Partnern auch Boden-Luft-Raketen, die sich eines Tages auch gegen die US Air Force richten könnten, lieferten.

Präsident Assad, so heißt es in Washington, habe mit dem Einsatz von Giftgas die „rote Linie“ überschritten, die Waffenhilfe sei gerechtfertigt. Wahrscheinlich aber ist das die gröbste Irreführung seit der Behauptung Colin Powells vor den Vereinten Nationen, Saddam Hussein habe seinerzeit Massenvernichtungswaffen gegen den Westen einsetzen wollen.

Wenn man die juristische Frage cui bono?, also: Wer wäre der Nutznießer dieses Vorhabens?, stellt, so ergibt sich der Schluß, daß die Aufständischen – im Gegensatz zu Assad – alles Interesse daran haben, daß die ominöse rote Linie überschritten wird. Und die Beschaffung von chemischen Kampfstoffen wie Sarin stellt heute kein Problem dar.

Assad ist nicht so unbeliebt, wie der Westen glaubt

Tatsache ist, die Grenze zur Türkei steht offen und Saudi-Arabien und Katar liefern längst Waffen an die Rebellen. Seit langem bilden amerikanische Special Forces in Jordanien syrische Rebellen aus. Wird die US-Waffenlieferung wenigstes den Krieg verkürzen? Aller Voraussicht nach nicht, möglicherweise wird sie ihn gar verlängern. Aber welche Absicht steckt wirklich hinter der Politik der USA?

Washington will den Iran schwächen, will verhindern, daß sich eine Machtachse spannt, von Teheran über Bagdad, wo ebenfalls eine schiitische Regierung am Ruder ist, und Damaskus bis zur Hizbullah im Libanon. Wie lange der Kampf in Syrien noch dauern wird, kann niemand sagen. Assad ist im Lande nicht so unbeliebt, wie man im Westen behauptet.

Syrien droht zu zerfallen

Nicht nur bei Alawiten und Christen, auch bei vielen bürgerlichen Sunniten wird er angesichts des drohenden Fanatismus der mit al-Qaida verbündeten Nusra-Front als das geringere Übel empfunden. Was könnte nach Assad kommen? Glauben die USA wirklich, dann würde die Demokratie ausbrechen?

Ähnliche Illusionen hatte man schon im Irak gehegt. Und der klägliche Verlauf des Arabischen Frühlings sollte dem Westen die Realität des Orients vor Augen geführt haben. Syrien droht zu zerfallen, in Damaskus wäre mit der Errichtung eines islamischen Gottesstaates zu rechnen, und der angekündigte Flächenbrand hat bereits auf Libanon und Irak übergegriffen.

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