Frauenveranstaltung BT-Fraktion

Rechtsanwältin Bärbel Freudenberg-Pilster , Berlin
Sent: Tuesday, June 11, 2013 2:45 PM

Am 3. Juni 2013 hatte die Bundestagsfraktion zu einer Diskussionsveranstaltung zum Thema „Trendwende ohne Quote“ eingeladen. Auf unseren Plätzen fanden wir ein Positionspapier der FDP-Bundestagsfraktion zum Thema „Gleichstellung in Bundesministerien und Bundesbehörden voranbringen“ sowie ein eben solches zum Thema „Für mehr Frauen in Führungspositionen, Vorständen und Aufsichtsräten“. Herr Brüderle bestätigte in seiner Begrüßungsrede, dass die FDP das Defizit, das da sei, beseitigen wolle. Er sei ein Lobbyist für mehr Frauen in Führungspositionen.

Es beschleicht mich stets ein ungutes Gefühl, wenn Männer über Frauen sprechen und sich selbstverständlich für die Chancengleichheit von Frauen einsetzen wollen. So als seien Frauen eine Art von Verfügungsmasse, die nach Bedarf und wenn es „zweckmäßig“ ist, wie es Ulrich Hocker, Präsident der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz e.V. in Düsseldorf und Mitglied der Regierungskommission Corporate Governance Kodex anschließend in seinem Eingangsreferat sagte, auch in Führungspositionen eingesetzt werden sollten.

Das erinnerte mich an meine Großmütter, die im zweiten Weltkrieg und danach in Fabriken, bei der Reichsbahn und anderen Dienstleistungsunternehmen eingesetzt wurden, weil es zweckmäßig war. Denn die Männer waren im Krieg oder später in Gefangenschaft, und ohne die Frauen wäre es nicht gegangen. Kaum waren die Männer aber wieder da, wurden die Frauen flugs wieder an den heimischen Herd zurückgeschickt, um Mann und Kinder zu versorgen. Die Zweckmäßigkeit der Arbeit der Frauen war entfallen. Viele Frauen aus dieser Generation haben mir erzählt, dass es für sie die schönste Zeit ihres Lebens war, als sie arbeiten durften und eigenes Geld verdienten. Sie waren damals sehr traurig, dass sie von den Männern aus dem Arbeitsleben wieder verdrängt wurden. Aber es gab keine Alternative. Es war verpönt, dass Frauen arbeiteten, schließlich war es Aufgabe der Männer, für die finanzielle Sicherheit ihrer Familien zu sorgen. Es war 1964, als meine Tante trotz ihres 5-jährigen Sohnes arbeiten gehen wollte. Die Familie hätte sich fast darüber entzweit, dass das Kind in einen Kindergarten gehen sollte. Der Ehemann war empört, weil nun alle über ihn erzählen könnten, er verdiene nicht genügend Geld, um seine Familie zu ernähren.

Glücklicherweise sind diese Zeiten vorbei. Aber: sind sie es wirklich? Ein erschreckendes Beispiel, das uns daran zweifeln lassen könnte, war die Einführung des Betreuungsgeldes im vergangenen Jahr. Dennoch: heute sind die Frauen hervorragend ausgebildet sind und können so manchen Mann in „die Tasche stecken“. Sie lassen sich auch nicht mehr an Heim und Herd verbannen, wenn sie es nicht wollen. Die Zweckmäßigkeit ihres Einsatzes in der Arbeitswelt haben sie längst bewiesen. Und sie leisten hervorragende Arbeit. Warum werden sie also nicht an die Spitze gelassen?

Natürlich haben die Frauen selbst schuld, wie Herr Hocker weiter ausführte. Denn Frauen hätten nicht denselben Willen zur Macht wie Männer. Die sei im Übrigen durch Studien belegt. Ich bin dagegen der Meinung, dass die Frauen, die wirklich Karriere machen wollen, sehr wohl denselben Willen zur Macht haben wie die Männer. Sie scheitern aber an den Männern, die auch heute noch immer an den entscheidenden Schaltstellen sitzen und lieber einen Mann, der ihnen im Wesen und in der Denkweise gleicht, auf eine Führungsposition bringen. Gleichsam als Warnung führte Herr Hocker auch noch aus, dass sich Frauen darüber klar sein müssten, in welche „Haifischbecken“ sie sich begäben, wenn sie eine Führungsposition anstrebten. Wenn ich mir vorstelle, dass dieser Mann als Mitglied der Regierungskommission Corporate Governance Kodex Empfehlungen zur Förderung von Frauen in Aufsichtsräten und Vorständen von börsennotierten Unternehmen gibt, dürfte der Erfolg dieser Empfehlungen auf der Hand liegen.

Sein Fazit war schließlich, dass inzwischen eine deutliche Trendwende ohne Quote erreicht worden sei. Die Unternehmen hätten sich im eigenen Interesse, durch den Kodex oder wodurch auch immer, bewegt. Der Trend stimme jedenfalls.

In der anschließenden Diskussionsrunde, die selbstverständlich von einem Mann moderiert wurde, kamen neben dem bereits erwähnten Ulrich Hocker Nicole Bracht-Bendt, Sprecherin für Frauen und Senioren der FDP-Bundestagsfraktion, Prof. Dr. Birgit Felden, Vorstand TMS Unternehmensberatung AG und Professorin an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin, Prof. Dr. Isabella Heuser, Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité, PD Dr. Elke Holst, Research Director, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und Gabriele Sons, Vorstand und Chief Human Resources Officer der Thyssen Krupp Elevator AG, zu Wort. Es bestand Einigkeit darüber, dass seit mindestens 20 Jahren immer wieder über dieselben Fakten geredet wird und sich so gut wie nichts geändert hat. Die Hälfte aller Hochschulabsolventen ist weiblich. Oft legen sie die besseren Examina ab. Dennoch bleiben sie auf mittlerem Niveau stecken, wie es Frau Prof. Heuser z.B. für die Ärzteschaft bestätigte. Frau Dr. Holst begrüßte die Initiativen zur Einführung einer Quotenregelung. Erst durch diese sei ein gesellschaftlicher Druck entstanden. Frau Sons berichtete, dass es tatsächlich einigen jungen Frauen an dem Mut für eine Karriere fehle. Nach ihren Feststellungen sei es aber so, dass die Situation jeweils besser werde, wenn die Partner mithelfen würden.

Eine etwas andere Situation gibt es im Mittelstand, wie Frau Prof. Felden ausführte. Hier gäbe es nicht so straffe Strukturen, deswegen sei die Durchlässigkeit besser.

Herr van Essen erklärte in seinem Schlusswort, die FDP wolle die Trendwende, aber nicht mit staatlicher Gängelei. Er rief alle Frauen auf, selbstbewusster, und alle Männer, Unterstützer zu sein. Ich sehe nicht, dass es am Selbstbewusstsein der Frauen in der FDP fehlt. Aber: wo sind denn die männlichen Unterstützer?

Als Ergebnis wird man festhalten können, dass dieser Nachmittag wohl eher eine Alibiveranstaltung für die FDP sein sollte. Man will sich schließlich nicht nachsagen lassen, nichts für die Frauen zu tun. Die FDP muss sich aber Realitätsferne nachsagen lassen, In das Präsidium der Bundes-FDP haben es gerade einmal zwei Frauen geschafft. Und dies, obwohl der Bundesvorsitzende Philipp Rösler in seiner Rede auf dem Parteitag am 4. Mai 2013 in Nürnberg verkündet hat: „Für Liberale gilt: Wir wollen die Menschen nicht klein halten, nicht klein machen. Wir arbeiten nicht mit der Heckenschere. Sondern wir wollen den Boden bereiten, damit jeder nach seinen Fähigkeiten wachsen, ja über sich hinaus wachsen kann.“ Für die Frauen in der FDP scheint dies nicht zu gelten.

Ich denke, die Männer in der FDP geben Sokrates recht, der gesagt hat: „Eine Frau, gleichgestellt, wird überlegen“. Das wollen sie nicht. Welch’ vergebene Chance.

Bärbel Freudenberg-Pilster, Berlin

FDP Bundestagsfraktion Trendwende ohne Quote.pdf

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