Afghanistan: Unkoordinierter Rückzug mit Schuss

27.05.2013 · Die Verantwortung für die Sicherheit übernehmen die Afghanen, aber Verlass ist noch nicht einmal auf die Sondereinheiten. Erst kürzlich erlebten das deutsche Elitesoldaten, als sie Aufständischen in die Falle liefen und alleine kämpfen mussten. Bundestagsabgeordnete fragen: War alles vergebens?

Die Abgeordneten, die sich Mitte Mai im Keller des Verteidigungsministeriums informieren ließen, saßen nicht zum ersten Mal in dem abhörsicheren Besprechungsraum, um ernste Dinge zu erfahren. Doch diesmal kehrten viele erschüttert von der vertraulichen Unterrichtung zurück. „Unfassbar“ hieß es fraktionsübergreifend, nachdem Generalinspekteur Volker Wieker die Verteidigungsfachleute des Bundestags über die Umstände des Todes eines deutschen Elitesoldaten am 4. Mai in der Provinz Baghlan unterrichtet hatte.

Demnach hatten afghanische Polizisten am Morgen jenes Tages in einem Waldgebiet nahe Zaman Khel eine Gruppe bewaffneter Aufständischer gesichtet. Die Ortschaft liegt am Fluss Baghlan in der gleichnamigen Provinz und gehört zum deutschen Einsatzbereich im Norden Afghanistans. Wie nun zu erfahren ist, alarmierten die Polizisten die „Provincial Response Company“ (PRC), eine gerade aufgestellte Spezialeinheit des afghanischen Innenministeriums, die auf dem Stützpunkt Kilagai von deutschen Elitesoldaten ausgebildet und beraten wird. In vielen Provinzen des Landes trainieren Spezialkräfte der Isaf-Nationen afghanische Sondereinheiten von Armee und Polizei. Sie leben über Monate gemeinsam in Feldlagern und Stützpunkten. Mitunter kämpfen sie auch zusammen gegen Aufständische und Terroristen. Doch Vertrauen und Kameradschaft entstünden nur selten, berichtet ein Bundeswehrsoldat, der mehrere Ausbildungseinsätze am Hindukusch hinter sich hat.

Flüchten anstatt kämpfen

Nach ihrer Alarmierung machten sich 25 afghanische Polizisten und 15 KSK-Soldaten auf den Weg zu dem Waldgebiet. Sie sollten die Aufständischen festnehmen oder bekämpfen. Was dann passierte, wird von Soldaten der Bundeswehr und in Sicherheitskreisen in Berlin übereinstimmend beschrieben: Als die deutschen Elitetruppen und die Polizisten in den Wald vorrückten, wurden sie von den Aufständischen beschossen. Die afghanischen Polizisten sollen daraufhin in einer „unkoordinierten Rückzugsbewegung mit Schussabgabe“ teilweise bis zu 700 Meter weit geflüchtet sein, während die KSK-Soldaten das Feuer erwiderten und Luftunterstützung anforderten. Kurz darauf trafen zwei deutsche Tiger-Kampfhubschrauber sowie zwei amerikanische Erdkampfflugzeuge vom Typ A-10 Thunderbolt II in dem Gebiet ein. Die Piloten der Thunderbolt bombardierten die Stelle, an der die Angreifer vermutet wurden.

Einige Stunden später drangen die Soldaten und Polizisten abermals in den Wald ein, um die Bombenabwurfstelle zu untersuchen. Die Nachbereitung ist den ausländischen Soldaten in Afghanistan nach dem Einsatz schwerer Waffen aus größerer Entfernung vorgeschrieben und dient dazu, das Ergebnis eines Bombardements zu dokumentieren. Allerdings müssen sie sich dazu nicht zwingend persönlich an Ort und Stelle begeben. Im Zweifelsfall genügen auch Luftaufnahmen von der Explosionsstelle. Nachdem jedoch die Aufklärungsbilder der Thunderbolt den Schluss zuließen, dass sich im Bereich der Explosionsstelle niemand mehr aufhalte, entschieden sich die KSK-Soldaten, den Ort des Bombenabwurfs persönlich in Augenschein zu nehmen.

Mehrere Opfer zu beklagen

Sie liefen in eine tödliche Falle. Die Aufständischen hatten sich unter Planen versteckt, so dass sie auf dem Monitor des Fliegerleitoffiziers, auf den die Kamerabilder der Thunderbolt überspielt wurden, nicht zu identifizieren waren. Ein 32 Jahre alter Hauptfeldwebel wurde aus weniger als zehn Meter Entfernung von mehreren Kugeln tödlich getroffen, ein zweiter verwundet. Abermals löste sich die afghanische Polizeieinheit fluchtartig auf, die noch kampffähigen KSK-Soldaten nahmen, mit Gewehren und Maschinengewehren bewaffnet, das Gefecht auf. Es soll knapp zwei Stunden gedauert haben, in denen sich die afghanischen „Kameraden“ in sicherem Abstand vom Geschehen aufhielten und der gefallene und der verwundete deutsche Soldat nicht abtransportiert werden konnten. Aus der Luft hätten Tiger und Thunderbolt mehrfach mit ihren Bordkanonen eingegriffen, heißt es. Zu Getöteten und Verletzten unter den Angreifern seien vom Bundesverteidigungsministerium keine konkreten Angaben gemacht worden, heißt es in Berlin. Dass auch die Aufständischen Opfer zu beklagen hatten, steht aber außer Zweifel.

Verteidigungsfachleute berichten, dass das Ministerium nach den Ereignissen von Baghlan darüber nachdenke, die Zusammenarbeit des KSK mit afghanischen Sondereinheiten zumindest vorübergehend zu suspendieren. Ein Bundestagsabgeordneter der Opposition stellt im Gespräch mit dieser Zeitung die Frage, in welchem Zustand die afghanischen Sicherheitskräfte im Allgemeinen sein müssten, wenn sogar Spezial- und Sondereinheiten in Situationen wie der in der Provinz Baghlan fluchtartig den Schauplatz verließen. „Ich habe das furchtbare Gefühl, dass unsere Ausbildungsbemühungen und unsere Opfer im Kampf gegen die Aufständischen umsonst gewesen sind. Die Zusammenarbeit muss beendet werden, um nicht noch weitere Opfer zu erleiden“, resümiert er. Der Parlamentarische Staatssekretär im Verteidigungsministerium, Christian Schmidt (CSU), sagte vor kurzem bei einem Truppenbesuch am Hindukusch, die Afghanen seien allein noch nicht in der Lage, für die Sicherheit ihres Landes zu sorgen. Verteidigungsminister Thomas de Maizière hatte im April angekündigt, Deutschland wolle sich auch nach 2014 mit 600 bis 800 Soldaten an der Ausbildung afghanischer Sicherheitskräfte beteiligen.

Status Quo wieder hergestellt

Thomas Ruttig vom Afghanistan Analyst Network mit Sitz in Kabul hält die Bemühungen der Bundeswehr, die afghanischen Sicherheitskräfte zu stärken, für nicht nachhaltig. Sowohl im Raum Kundus als auch in Baghlan hätten die regierungsfeindlichen Kräfte den Status quo der Zeit vor den Offensiven der Isaf im Jahr 2010 teilweise wiederhergestellt, sagt er. Mitte Mai teilte das Ministerium von Thomas de Maizière dem Verteidigungsausschuss des Bundestages mit, dass die „vorwiegend paschtunisch besiedelten Teile der Provinz Kundus“ nach wie vor „zur Schleusung und Unterbringung von regierungsfeindlichen Kräften sowie als Rückzugsräume“ der Aufständischen genutzt würden. „Die regierungsfeindlichen Kräfte sind derzeit immer noch in der Lage, Anschläge im gesamten asymmetrischen Spektrum auszuführen“, hieß es.

Ein Soldat in Kundus geht noch weiter: „Sie sind es nicht immer noch, sondern sie sind es wieder“, sagt er. Die Aufständischen hätten den Rückzug der Bundeswehr aus den vor zweieinhalb Jahren befriedeten Gebieten und die „Übergabe der Verantwortung“ an die afghanischen Sicherheitskräfte genutzt, um in die früheren Aufstandsgebiete zurückzukehren. Chahar Darah, der Distrikt, aus dem die Bundeswehr die Rebellen unter großem Aufwand und nach einem Dutzend Gefallener Ende 2010 vertrieben hatte, sei wieder „Taliban-Land“, berichtet der Soldat. Inzwischen gebe es nahezu täglich Anschläge und Angriffe auf deutsche und afghanische Truppen sowie auf die dort lebenden Menschen. „Ich hoffe nur, dass die Lage nicht allzu schnell kippt und wir hier heil herauskommen.“ Der Verteidigungsexperte einer Regierungsfraktion wirkt resigniert: die Bemühungen der zurückliegenden drei Jahre seien „alles in allem vergeblich“ gewesen.

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